13. Oktober 2008
Zuviel Englisch in der Medizin in Deutschland?
Umfrage belegt starke Vorbehalte der Ärzteschaft
Der Verein Deutsche Sprache Berlin/Dortmund e.V. weist auf eine Umfrage “Englisch versus Deutsch in der Medizin” hin, die ein überraschendes Ergebnis zeitigte (Deutsches Ärzteblatt, C47/2001, S. 2438-2439).
Prof. Haße aus Berlin hatte 500 Fragebogen an Leitende Klinikärzte, sonstige Ärzte in Kliniken und nichtklinisch tätige Ärzte verschickt, um zu erfahren,
- wie gut sie Englisch sprechen und verstehen (Frage 1)
- ob sie die englische Sprache in Fachzeitschriften deutscher Verlage akzeptieren (Frage 2)
- ob sie Englisch als Publikationssprache dem Deutschen vorziehen (Frage 3)
- welche Sprachen auf Fachveranstaltungen in Deutschland gesprochen werden sollten (Fragen 4-6), und
- ob sie ihre fachliche Weiterbildung und Ausdrucksfähigkeit durch die derzeitige Dominanz des Englischen beeinträchtigt sehen (Frage 7).
Fast 70% (!) der Angeschriebenen antworteten. Nur 19% von ihnen gaben an, das Englische in Wort und Schrift sicher zu beherrschen während immerhin 45% englische Vorträge und Publikationen mühelos verstehen.
Dennoch stehen je nach Befragtengruppe 80% bis 90% dem Überhandnehmen englischsprachiger Publikationen in inländischen Zeitschriften ablehnend gegenüber. Von den Leitenden Ärzten und den Nichtklinikern verlangen über 90% die Publikation von Ergebnisberichten aus deutschen Hochschulen und Forschungsinstituten in deutscher Sprache.
Weiterbildungsveranstaltungen in Deutschland und nationale Kongresse werden sogar von fast 100% der Befragten auf deutsch verlangt; ausländische Gastredner “können (dagegen) auch in englischer Sprache vortragen”.
Auf internationalen Kongressen wünschen bis zu 95% der Befragten Deutsch und Englisch, z.B. per Simultanübersetzung, als Kongresssprachen.
Trotz dieser klaren Mehrheiten zugunsten von Deutsch fühlen sich höchstens 70% (Nichtkliniker) bis mindestens 55% (Leitende Ärzte) durch die Dominanz des Englischen benachteiligt. Offenbar billigen die Befragten der Landes- und Wissenschaftssprache Deutsch nicht nur die Funktion zu, Informationen zu transportieren, sondern sie sehen auch ihre soziale und kulturelle Bedeutung.
Englisch hat unwidersprochen seinen Platz als wissenschaftliche lingua franca. Doch “ein weiteres Vordringen des Englischen (…) in Klinik und Praxis wird zu einer Spaltung der Fach- von der Umgangssprache führen und die Effektivität der Aus- und Weiterbildung bedrohen”, warnt der Autor der Umfrage, Prof. Haße, Berlin.
Bereits im Sommer hatten 37 Wissenschaftler in einem Offenen Brief an die zuständigen Politiker aller Bundesländer verlangt, dafür zu sorgen, dass auf internationalen Konferenzen wichtige Vorträge und Diskussionen auch auf Deutsch möglich bleiben müssen. Nach Wissen des VDS sind erst wenige, dazuhin nur ausweichende bis ablehnende Antworten auf diesen Brief eingetroffen.
Kontaktperson des VDS: Prof. Dr. H. H. Dieter, VDS-Bundesvorstand, Tel. 033731-30730, oder 030-89031400
Veröffentlicht in der Katogerie Allgemein von hahn-mediaconsult


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